Gehirn erzeugt kein Bewusstsein 

Wo die Physik schweigt
Was, wenn das Bewusstsein keine Erfindung des Gehirns ist?
Mein Buch geht einer Frage nach, an der die Naturwissenschaft regelmäßig verstummt: Wie entsteht Erleben? Statt es zum bloßen Nebenprodukt von Nervenzellen zu erklären, schlage ich einen anderen Blick vor — auf einen zeitlosen Ursprungsraum, aus dem sowohl physikalische Wirklichkeit als auch Bewusstsein hervorgehen. Kein Gegenentwurf zur Physik, sondern ein Blick dorthin, wo sie an ihre Grenze kommt.
Mein Name ist Detlef Raschpichler. Ich schreibe an der Schnittstelle von Physik und Philosophie des Geistes — für Leserinnen und Leser, die große Fragen nicht gern an Fachgrenzen abgeben. Auf diesen Seiten finden Sie das Buch, die Gedanken dahinter und einen Weg, mit mir ins Gespräch zu kommen.



Leseprobe 


Warum dieses Buch fasziniert

Ein Blick über die Grenzen der Wissenschaft

Das Buch öffnet Türen zu Fragen, die die Physik allein nicht beantworten kann, und lädt dazu ein, Bewusstsein neu zu denken.

Ein einzigartiger Ansatz zur Bewusstseinsfrage

Statt Bewusstsein als Nebenprodukt zu sehen, zeigt das Buch einen Ursprungsraum, der Geist und Materie verbindet.

Für neugierige Leser und Denkende

Dieses Werk richtet sich an alle, die große Fragen lieben und bereit sind, über Fachgrenzen hinauszublicken.

Seitentitel


Prolog — Die Lücke in der Physik Es gibt einen Moment, den fast jeder kennt. Man sitzt irgendwo, allein oder mitten unter Menschen, und plötzlich tritt eine Frage auf, die sich nicht abschütteln lässt: Was ist das hier eigentlich? Nicht die Frage eines Kindes, das nach dem Namen der Dinge fragt, sondern die tiefere, ungemütlichere Frage dahinter. Was ist das, das gerade sitzt und fragt? Was ist dieses Erleben? Woher kommt es — und wohin geht es? Die meisten Menschen schieben diese Frage beiseite. Das Leben fordert das. Die Physik aber hat sich ihr gestellt. Und sie ist dabei auf etwas Merkwürdiges gestoßen: Je genauer sie hinschaut, desto seltsamer wird die Welt. Wir leben in einer Zeit des größten Erklärungserfolgs der Men- schheitsgeschichte. Die Physik beschreibt, wie das Universum vor 13,8 Milliarden Jahren aus einem Punkt entstand. Sie berechnet die Bahn von Sonden, die das Sonnensystem längst verlassen haben, auf den Kilometer genau. Sie hat Gravitationswellen gemessen — Erschütterungen der Raumzeit selbst, erzeugt von zwei kollidieren- den Schwarzen Löchern, eine Milliarde Lichtjahre entfernt. Als diese Wellen die Erde erreichten, waren sie kleiner als ein Tausendstel eines Protonendurchmessers. Und sie hat Teilchen gefunden, kleiner 2 3 als jede Vorstellungskraft, und ihre Wechselwirkungen in Gleichun- gen gefasst, die auf eine Serviette passen und trotzdem mit zwölf Nachkommastellen stimmen. Es wäre anmaßend, das zu verkleinern. Die Physik ist ein intellek- tuelles Meisterwerk — das Präziseste, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat. Und dennoch. Drei Fragen bleiben offen. Nicht als Randnotizen, nicht als tech- nische Details, die noch ausgearbeitet werden müssen, sondern als fundamentale Lücken im Zentrum des Gebäudes. Lücken, die umso größer werden, je ehrlicher man hinschaut. Die erste Lücke: Was ist Bewusstsein? Jede Theorie des Universums — Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Stringtheorie — setzt stillschweigend voraus, dass es einen Beobachter gibt. Je- manden, der misst, der registriert, der versteht. Aber was dieser Beobachter eigentlich ist, erklärt keine dieser Theorien. Wir wissen mit wachsender Genauigkeit, was im Gehirn passiert, wenn ein Mensch einen roten Apfel sieht: elektrochemische Signale, neuronale Feuerungsmuster, Aktivierungskaskaden. Wir können messen, welche Regionen aktiv sind, und vorhersagen, wann jemand antwortet. Was wir nicht erklären können, ist der einfachste Schritt von allen: warum es sich nach irgendetwas anfühlt. Warum das Rot des Apfels nicht nur verarbeitet, sondern erlebt wird. Der Philosoph David Chalmers nannte das das harte Problem des Bewusstseins. Hart nicht im Sinne von schwierig, sondern im Sinne von: grundsätzlich anders als alle anderen Probleme der Wissenschaft. Denn alle anderen Probleme sind im Prinzip von außen beobachtbar. Das Bewusstsein ist das einzige Phänomen, das sich nur von innen zeigt. Keine materialistische Theorie hat diese Lücke geschlossen. Nicht 4 weil die Wissenschaftler nicht klug genug wären, sondern weil etwas Begriffliches fehlt. Die zweite Lücke: Was ist Zeit? Zeit scheint das Selbstver- ständlichste der Welt zu sein. Sie fließt. Die Vergangenheit ist vergan- gen, die Zukunft noch nicht da, die Gegenwart der einzige Moment der Wirklichkeit. Jedes Kind versteht das. Die Physik versteht es nicht. Die Grundgleichungen der Physik — Newtons Mechanik, Einsteins Feldgleichungen, Schrödingers Gleichung, die Gesetze der Teilchen- physik — kennen keine Richtung der Zeit. Lässt man einen Film eines Vorgangs auf fundamentaler Ebene rückwärts laufen, gibt es keine physikalische Gleichung, die sagt: Das ist falsch. Die Physik kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sie kennt nur Parameter. Die einzige Ausnahme ist die Thermodynamik — die Tendenz von Systemen, von Ordnung in Unordnung zu zerfallen. Aber das ist eine statistische Aussage, keine fundamentale. Und sie erklärt nicht, warum wir Zeit erleben. Sie erklärt allenfalls, warum wir uns an die Vergangenheit erinnern und nicht an die Zukunft. Carlo Rovelli, einer der bedeutendsten Physiker unserer Zeit, argu- mentiert in Die Ordnung der Zeit, dass die Zeit, die wir erleben, und die Zeit der fundamentalen Physik zwei grundverschiedene Dinge sind. Zwischen beiden liegt eine Erklärungslücke, die niemand wirk- lich geschlossen hat. Die dritte Lücke: Was ist Superposition? Im frühen zwanzig- sten Jahrhundert entdeckte die Physik etwas, das sie bis heute nicht vollständig verdaut hat: Teilchen auf fundamentaler Ebene existieren nicht in einem bestimmten Zustand, bis sie gemessen werden. Ein Elektron hat keinen genauen Ort. Es hat eine Wolke aus möglichen Orten — mathematisch beschrieben als Wellenfunktion, physikalisch verstanden als Superposition aller Möglichkeiten gleichzeitig. 5 Erst die Messung lässt es zu einem bestimmten Ort zusammen- fallen. Das ist keine Unkenntnis. Es ist kein Mangel an Präzision unserer Instrumente. Die Experimente belegen es mit brutaler Eindeutigkeit: Der Zustand ist vor der Messung wirklich unbestimmt. Nicht für uns — sondern an sich. Was aber ist dieser Zustand? Was existiert dort, bevor die Mes- sung eingreift? Die Physik beschreibt die Superposition mathema- tisch mit außerordentlicher Präzision. Was sie nicht beschreibt, ist, was die Superposition wirklich ist. Die ehrlichste Antwort, die die Physik geben kann, lautet bis heute: Wir wissen es nicht. Wir rechnen damit. Das Ergebnis stimmt. Was es bedeutet — darüber herrscht seit hundert Jahren Streit. Drei Lücken. Bewusstsein. Zeit. Superposition. Was mich nicht loslässt — und was der Ausgangspunkt dieses Buches ist — ist die Vermutung, dass diese drei Lücken dieselbe Form haben. Dass sie nicht zufällig nebeneinanderstehen. Dass sie, von der richtigen Seite betrachtet, dieselbe Antwort verlangen. Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne, und ich bin kein Physiker — aber das muss kein Nachteil sein. Ich bin jemand, der sich über lange Zeit ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt hat: mit der Physik, mit der Philosophie, mit dem, was beide sagen, und vor allem mit dem, was beide nicht sagen. Wer tief in einem Fach steht, sieht seinen eigenen Bereich mit einer Schärfe, die ich nie erreichen werde. Doch dieselbe Tiefe verstellt manchmal den Blick auf das, was zwischen den Fächern liegt. Dass die drei Lücken — Bewusstsein, Zeit, Superposition — dieselbe Form haben, sieht man nicht im Inneren eines einzelnen Gebiets. Man sieht es erst, wenn man weit genug zurücktritt. Es braucht einen Blick von außen — keinen klügeren, nur einen anderen. 6 Was hier entwickelt wird, ist eine Theorie. Eine kohärente, durch- dachte Theorie — aber eine Theorie, die über das hinausgeht, was sich heute empirisch überprüfen lässt. Ich werde immer deutlich machen, wo gesichertes Wissen endet und wo Spekulation beginnt. Das ist keine Schwäche, sondern eine Grundbedingung intellektueller Redlichkeit. Die Theorie verbindet die Stringtheorie mit der Quantenmechanik und dem holographischen Prinzip auf eine Art, die ich für kohärenter halte als die Alternativen. Sie schlägt vor, dass das, was wir Super- position nennen, kein bloß physikalischer Zustand ist, sondern der Ursprungsbereich, aus dem Materie überhaupt erst hervorgeht. Dass Bewusstsein nicht in diesem Bereich wohnt — sondern dass es das ist, was dieser Bereich von innen ist. Dass Zeit keine eigenständige Größe ist, sondern aus Gedächtnis entsteht, aus dem Erinnern und der Vorwegnahme von Ereignissen. Und dass der ständige Wech- sel zwischen diesen beiden Ebenen — zwischen Superposition und String, zwischen Ursprung und Materie — das ist, was wir Dualis- mus nennen. Nicht als unlösbares Rätsel, sondern als Beschreibung eines Vorgangs. Was daraus folgt — für das Verhältnis von Geist und Körper, für die Frage nach Individualität, für das, was wir Wiedergeburt nennen — entwickeln die letzten Kapitel. Nicht als Heilsversprechen. Nicht als Trost. Sondern als Konsequenz des Modells. Es gibt einen Satz, den ich am Ende dieses Buches zu begrün- den versuchen werde. Er klingt zunächst nach einer Niederlage der Wissenschaft. Er ist das Gegenteil: Das Fundamentale ist prinzipiell nicht vollständig von innen messbar — weil der Messende selbst Teil der Pro- jektion ist. Das ist kein Rückzug ins Mystische. Es ist die tiefste Aussage, die eine Wissenschaft über sich selbst machen kann. 7 Und es gibt einen zweiten Satz, um den das ganze Buch kreist. Er ist keine These, die bewiesen wird. Er ist eine Konsequenz, die sich Schritt für Schritt aus allem anderen ergibt: Wahrnehmung ist das Substrat, das sich selbst begegnet. Eine Brücke, die nur auf einer Seite steht Um die Grundidee dieses Buches zu fassen, braucht es ein Bild. Es ist das Bild, an dem man sich durch das ganze Buch hindurch orientieren kann — und das ehrlicher beschreibt, was dieses Buch ist, als jede inhaltliche Zusammenfassung. Stellen Sie sich eine Brücke vor. Auf der einen Seite: festes Land. Gemessen, vermessen, kartiert. Auf diesem Ufer steht die Physik — mit ihren Gleichungen, ihren Messgeräten, ihren Experimenten. Die Stringtheorie, die Quanten- mechanik, das holographische Prinzip. Alles, was sich in Zahlen fassen, in Formeln schreiben, in Experimenten überprüfen lässt. Dieses Ufer nennen wir die String-Ebene. Die Brücke beginnt hier, auf festem Grund. Gebaut ist sie aus dem einzigen Material, das zur Verfügung steht: der Sprache der String- Ebene. Begriffe, Analogien, Konzepte. Ein anderes Material gibt es nicht. Denn die andere Seite — das, was jenseits der physikalisch beschreibbaren Wirklichkeit liegt — hat keine eigene Sprache. Sie kann keine haben. Sprache ist selbst ein Produkt der String-Ebene: Sie entsteht in der Zeit, braucht Struktur, setzt Dimensionen voraus. Also baut man die Brücke mit dem, was man hat. Und sie trägt weit. Durch die Quantenmechanik und ihre un- gelösten Rätsel. Durch das Messproblem und das harte Problem des Bewusstseins. Durch das Zeitproblem und das Schweigen der Gle- ichungen. Sie trägt bis an den Rand dessen, was die Physik noch 8 sagen kann — und zeigt dann dorthin, wohin sie selbst nicht mehr gelangt. Und dann endet sie. Nicht weil die Bauzeit ausging, sondern weil auf der anderen Seite kein festes Land ist, auf dem ein Fundament stehen könnte. Diese andere Seite hat keinen Boden im physikalischen Sinne. Sie ist di- mensionslos, zeitlos, raumlos. Man kann keine Brücke in sie hinein- bauen. Man kann nur von der Seite der Physik aus auf sie zeigen — mit Begriffen, die für sie nie gedacht waren, die alle scheitern und trotzdem das Einzige sind, was möglich ist. Das ist dieses Buch: eine Brücke, die nur auf einer Seite steht. Gebaut aus der einzig verfügbaren Sprache, so weit sie trägt — und dort, wo sie endet, offen für das, was keine Sprache hat. Und was ist auf der anderen Seite? Das weiß jeder. Von innen. Es ist das Einzige, das keine Beschreibung braucht: das Erleben selbst. Das, was es heißt, hier zu sein. Diese Brücke ist kein Scheitern. Sie ist die ehrlichste Form des Denkens, die an dieser Stelle möglich ist. Beginnen wir. Kapitel 1 — Strings: Wenn Schwingungen die Welt sind Die Frage nach dem kleinsten Baustein ist so alt wie das Denken selbst. Demokrit, der griechische Philosoph, schlug um 400 vor Chris- tus vor, dass Materie aus unteilbaren Einheiten besteht. Er nannte sie Atome — das Unteilbare. Er hatte keine Instrumente, keine Math- ematik, keine Experimente. Er hatte nur die Überzeugung, dass die Zerlegung der Materie irgendwo aufhören muss. Er lag nicht falsch. Er lag nur zweieinhalbtausend Jahre zu früh. Heute wissen wir, dass Atome sehr wohl teilbar sind: in Elektro- nen, die um einen Kern kreisen, und einen Kern aus Protonen und Neutronen. Die wiederum bestehen aus Quarks. Quarks und Elek- tronen lassen sich, nach allem was wir messen können, nicht weiter zerlegen. Sie sind Demokrits Atome — nur zweieinhalbtausend Jahre später gefunden und mit einem anderen Namen versehen. Soweit, so vertraut. Doch hier beginnt etwas Unbehagliches. Denn die Frage, die Demokrit für gelöst hielt, stellt sich neu — und in einer Form, auf die wir noch keine Antwort haben: Was genau sind Elektronen und 9 10 Quarks? Nicht: woraus sie bestehen. Sondern: was sie sind. Die Antwort der modernen Physik ist so präzise wie seltsam. Sie sind Punkte. Das Problem des Punktes Ein Punkt hat keine Ausdehnung. Keinen Radius. Keine innere Struktur. Er ist geometrisch das Nichts — nur ein Ort. Das Elektron ist, nach allem was Experimente bisher zeigen, kleiner als ein Milliardstel eines Milliardstel Millimeters. Für alle praktischen Zwecke: null. Das Elektron ist, soweit wir messen können, ein Punkt. Das klingt zunächst wie eine Aussage über die Kleinheit der Dinge. In Wirklichkeit ist es eine Aussage über ein fundamentales Problem. Denn ein Punkt erzeugt eine Katastrophe. Berechnet man die elek- trische Energie, die ein geladenes Teilchen um sich herum aufbaut — und das Teilchen ist ein Punkt —, dann wird diese Energie un- endlich groß. Ein Elektron müsste als Punktteilchen unendlich viel Masse haben. Hat es aber nicht. Es hat eine genau bekannte, winzige, aber endliche Masse. Die Theorie widerspricht der Beobachtung. Die Quantenfeldtheorie, die erfolgreichste physikalische Theorie, die je formuliert wurde, löst dieses Problem auf rechnerischem Weg: Sie hebt Unendlichkeiten gegen andere Unendlichkeiten auf — ein Verfahren, das Renormierung heißt. Das Ergebnis stimmt mit den Messungen auf zwölf Nachkommastellen überein. Das ist ein wissenschaftlicher Triumph. Und es ist ein begriffliches Unbehagen. Denn die Unendlichkeiten verschwinden nicht wirklich, sie werden nur kontrolliert. Der Punkt bleibt ein Punkt — und seine Folgen bleiben mathematisch gezähmt, aber nicht verstanden. Richard Feynman, einer der Väter der Quantenfeldtheorie, soll 11 die Renormierung einen Buchhaltungstrick genannt haben — eine Methode, die funktioniert, ohne dass man wirklich weiß, warum. Das ist ehrlicher als die meisten Lehrbücher. Wo Quantenmechanik und Gravitation kolli- dieren Solange man das Elektron für sich betrachtet, bleibt das Unbeha- gen beherrschbar. Die Quantenfeldtheorie funktioniert. Für drei der vier Grundkräfte — den Elektromagnetismus, die schwache und die starke Wechselwirkung — hat sie Theorien geliefert, die zusammen das Standardmodell der Teilchenphysik ergeben. Es ist das genaueste theoretische Modell, das die Wissenschaft je hervorgebracht hat. Dann gibt es die Gravitation. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie beschreibt sie als Krüm- mung der Raumzeit — als geometrisches Phänomen in einem glat- ten, kontinuierlichen Raum. Eine wunderschöne Theorie, die kor- rekte Vorhersagen macht: für Planeten, Schwarze Löcher, Gravita- tionswellen, die Ausdehnung des Universums. Das Problem: Quantenmechanik und Allgemeine Relativitätsthe- orie sind unvereinbar. Versucht man, eine Quantentheorie der Gravitation zu formulieren — die Schwerkraft also genauso zu behandeln wie die anderen drei Kräfte —, dann entstehen Unendlichkeiten, die sich nicht mehr we- grechnen lassen. Nicht mit dem Trick der Quantenfeldtheorie, nicht mit irgendeinem anderen bekannten Verfahren. Die Rechnung bricht zusammen. Das ist kein technisches Detail. Es ist ein fundamentales Signal: Die zwei erfolgreichsten Theorien der modernen Physik widersprechen sich. Nicht ungefähr. Grundsätzlich. 12 Im Alltag fällt das nicht auf — weil die Gravitation für kleine Ob- jekte verschwindend schwach ist und Quanteneffekte für große Ob- jekte verschwindend klein. Die beiden Theorien begegnen sich prak- tisch nie. Aber in den Extremen — im Inneren Schwarzer Löcher, im Urknall, auf der sogenannten Planck-Skala — treffen sie aufeinander. Und dann versagt die Physik. Das ist der Ausgangspunkt für die Stringtheorie. Eine Formel, die zu einer Idee wurde Im Jahr 1968 suchte der Physiker Gabriele Veneziano nach einer Beschreibung der starken Wechselwirkung — der Kraft, die Quarks im Atomkern zusammenhält. Er fand eine Formel. Sie passte er- staunlich gut zu den Daten. Das Problem: Er wusste nicht, warum. Die Erklärung kam zwei Jahre später, von Yoichiro Nambu, Holger Nielsen und Leonard Susskind, unabhängig voneinander. Die Formel beschrieb keine Punktteilchen. Sie beschrieb schwingende Fäden — eindimensionale, ausgedehnte Objekte. Strings. Zunächst war das nicht mehr als eine mathematische Beobachtung. Keine Theorie, kein Bild, kein Verständnis. Nur: Diese Formel, die für Teilchen zu funktionieren schien, ließ sich herleiten, wenn man sich die Teilchen als Strings vorstellte. Daraus wurde eine Idee, die die theoretische Physik die nächsten fünf Jahrzehnte beschäftigen sollte. Was ein String ist Ein String ist das Einfachste, was man sich nach einem Punkt vorstellen kann. Kein Volumen. Keine Breite. Keine Fläche. Nur Länge — eine einzige Dimension. Ein schwingendes Energiefädchen. 13 Es gibt zwei Grundtypen: offene Strings, deren Enden frei im Raum liegen, und geschlossene Strings, deren Enden miteinander ver- bunden sind — eine Art mikroskopische Schlaufe. Ein String ist unvorstellbar klein. So viel kleiner als ein Proton, wie ein Proton kleiner ist als die Sonne. Es ist eine Größenordnung, die sich jeder direkten Messung entzieht — die Planck-Länge, jene fundamentale Grenze, jenseits derer unsere physikalischen Beschrei- bungen enden. Was dort liegt, ist keine Frage der Messtechnik mehr, sondern der Ontologie. Auf dieser Skala aber löst sich das Problem des Punktes auf. Ein String ist kein Punkt. Er hat Ausdehnung. Die Unendlichkeiten, die aus der Punktnatur der Teilchen entstehen, verschwinden — nicht durch Renormierung, sondern weil es keine Punkte mehr gibt. Die Mathematik, die für Punktteilchen zusammenbricht, bleibt für Strings endlich und kontrolliert. Das ist das erste große Versprechen der Stringtheorie: Sie macht aus einem begrifflichen Problem eine lösbare Rechnung. Schwingungen als Teilchen Was einen String zu einem Elektron macht, zu einem Quark, zu einem Photon, ist seine Schwingungsweise. Stellen wir uns eine Gitarrensaite vor. Dieselbe Saite kann ver- schiedene Töne erzeugen — je nachdem, wie sie schwingt. Die Grund- schwingung ergibt einen bestimmten Ton, die erste Oberschwingung einen höheren, die zweite einen noch höheren. Ein und dasselbe Ob- jekt, verschiedene Schwingungsmuster, verschiedene Töne. Ein String funktioniert nach demselben Prinzip — nur ist die Folge radikaler. Was eine Schwingungsweise eines Strings ausmacht, ist nicht ein Ton, sondern ein Teilchen. Energie, Masse, Ladung, Spin 14 — all das sind nicht Eigenschaften verschiedener Objekte, sondern verschiedene Schwingungsmuster ein und desselben Grundbausteins. Das Elektron ist ein Schwingungsmuster. Das Quark ein anderes. Das Photon — das Lichtteilchen — wieder ein anderes. Das klingt nach einer kühnen Vereinfachung. Das ist es auch. Aber es ist eine Vereinfachung, die mathematisch funktioniert. Die entscheidende Folge betrifft die Gravitation. Unter den möglichen Schwingungsweisen eines geschlossenen Strings gibt es zwingend eine — eine bestimmte Schwingung —, die genau die Eigenschaften hat, die das Trägerteilchen der Gravitation haben müsste: das Graviton. Niemand hat es hineingesteckt. Es ist da — als notwendige Folge der Mathematik. Das ist der Moment, in dem viele Physiker aufhorchten. Jede an- dere Theorie der Quantengravitation muss das Graviton von außen einführen, als Zusatzannahme. Die Stringtheorie bringt es von sich aus hervor. Gravitation ist in ihr nicht ein Problem, das gelöst wer- den muss. Sie ist ein Ergebnis, das sich von selbst einstellt. Das Problem der Dimensionen Hier wird die Theorie unbequem. Arbeitet man die Mathematik der Stringtheorie vollständig aus — fordert man alle Konsistenzbedingungen ein, schließt man alle Wider- sprüche aus —, dann zeigt sich: Strings können nicht in vier Dimen- sionen existieren. Nicht ohne mathematische Brüche, die die Theorie zerstören würden. Die ursprüngliche, rein bosonische Stringtheorie brauchte sech- sundzwanzig Dimensionen. Die modernere Superstringtheorie — die auch die Materieteilchen beschreibt — kommt mit zehn aus. Die M- Theorie, der gegenwärtig umfassendste Rahmen, braucht elf. 15 Warum erleben wir dann nur vier? Die Standardantwort lautet: Die übrigen Dimensionen existieren — aber sie sind aufgerollt. Zu winzigen geometrischen Strukturen zusammengewickelt, so klein wie die Planck-Länge, unsichtbar für jede Messung. Wir bewegen uns durch sie hindurch, ohne es zu merken — so wie eine Ameise auf einem Gartenschlauch nur die Länge wahrnimmt, nicht den Umfang. Die geometrische Form dieser verborgenen Dimensionen hat einen Namen: Calabi-Yau-Mannigfaltigkeit. Die Mathematik dieser Struk- turen ist außerordentlich reich und komplex. Und genau hier liegt eines der tiefsten Probleme der Stringtheorie. Was die Stringtheorie leistet — und was nicht An dieser Stelle ist Ehrlichkeit nötig. Die Stringtheorie ist die mathematisch reichste und eleganteste Theorie, die die theoretische Physik je entwickelt hat. Sie vereinigt alle vier Grundkräfte in einem stimmigen Rahmen. Sie beseitigt die Unendlichkeiten der Quantengravitation. Sie enthält als mathema- tische Folge eine Theorie der Raumzeit selbst — einschließlich der AdS/CFT-Korrespondenz, auf die wir in Kapitel 3 zurückkommen. Ihre Mathematik hat in anderen Bereichen der Physik und sogar der reinen Mathematik zu bedeutenden Entdeckungen geführt. Das ist real. Das ist nicht zu verkleinern. Und dennoch: Die Stringtheorie hat keine einzige Vorhersage gemacht, die experimentell bestätigt worden wäre und die sich nicht auch durch eine andere Theorie erklären ließe. Sie hat — nach mehr als fünfzig Jahren intensiver Forschung — keinen einzigen empirischen Fingerabdruck hinterlassen. Der Grund liegt in der Skala. Um String-Effekte direkt zu messen, 16 bräuchte man unvorstellbar hohe Energien — rund fünfzehn Größenordnungen jenseits dessen, was der größte Teilchenbeschle- uniger der Welt, der Large Hadron Collider in Genf, erreicht. Um die Planck-Skala experimentell zu erreichen, bräuchte man einen Beschleuniger von der Größe der Milchstraße. Das ist keine Frage des Budgets. Es ist eine Frage der Physik. Sabine Hossenfelder, Physikerin und eine der schärfsten Kritik- erinnen der theoretischen Grundlagenphysik, hat darauf hingewiesen, dass eine Theorie, die prinzipiell keine überprüfbaren Vorhersagen machen kann, in einen bedenklichen Grenzbereich gerät — zwischen Physik und Metaphysik. Lee Smolin und Peter Woit haben diese Kritik ausführlich formuliert. Das ist eine ernste Einwendung. Sie trifft nicht die Mathematik der Stringtheorie — die ist unbestreitbar. Aber sie trifft ihren Status als physikalische Theorie. Das Landschaftsproblem Es gibt noch ein weiteres, tieferes Problem. Die verborgenen Dimensionen der Stringtheorie — die Calabi- Yau-Mannigfaltigkeiten — können in außerordentlich vielen verschiedenen Formen vorliegen. Jede Form entspricht einem an- deren Universum mit anderen Naturkonstanten, anderen Teilchen, anderen Kräften. Die Zahl dieser möglichen Konfigurationen wird auf eine Eins mit fünfhundert Nullen geschätzt. Das ist eine Zahl, die keine Vorstellungskraft erfassen kann — sie übersteigt die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum um ein Vielfaches. Welche dieser Konfigurationen ist unsere? Die Stringtheorie antwortet: Keine Ahnung. Alle sind mathematisch gleich möglich. Das war ursprünglich als Schwäche der Theorie gedacht. Manche 17 Physiker haben es in eine Stärke umgedeutet: das anthropische Prinzip — wir befinden uns in der Konfiguration, in der Beobachter wie wir entstehen konnten, weil alle anderen unbewohnt oder unbeobachtbar sind. Das löst das Problem aber nicht. Es benennt es um. Eine ehrliche Bilanz Was bleibt nach alledem? Die Stringtheorie ist der bisher ernsthafteste Versuch, das fun- damentalste Problem der Physik zu lösen: die Unvereinbarkeit von Quantenmechanik und Gravitation. Ihr mathematischer Rahmen ist stimmig. Ihre innere Logik ist zwingend. Und sie hat echte Einsichten geliefert — über die Natur des Raumes, über Schwarze Löcher, über die holographische Struktur der Wirklichkeit. Aber sie ist keine Theorie von allem. Sie ist noch nicht einmal eine überprüfbare Theorie von irgendetwas Spezifischem. Was uns das sagt, ist wichtig: Die fundamentalste Ebene der Ma- terie ist uns nicht zugänglich — nicht weil wir nicht clever genug sind, sondern weil die Werkzeuge fehlen. Wir können die Mathematik der Planck-Skala formulieren. Wir können nicht dort hinschauen. Das ist der Stand der Physik. Keine Werbung, keine Verein- fachung. Strings — wenn es sie gibt — sind die letzten Objekte, die wir in der Kategorie „Ding” beschreiben können. Sie haben Ausdehnung. Sie schwingen. Sie erzeugen durch ihre Schwingungen das, was wir Teilchen nennen. Sie bilden — nach dieser Theorie — den Stoff, aus dem Raum und Materie gemacht sind. Aber hier öffnet sich eine Frage, die die Stringtheorie selbst nicht stellt. Eine Frage, die eigentlich vor aller Physik liegt: 18 Wenn Strings die Grundbausteine der Wirklichkeit sind — woraus bestehen dann Strings? Nicht im materiellen Sinne. Nicht: aus welchen noch kleineren Teilen? Sondern: Was ist ein String überhaupt? Was ist das Sub- strat, aus dem er hervortritt? Woraus schöpft er seine Existenz? Die Stringtheorie schweigt darauf. Nicht aus Unkenntnis, sondern aus Prinzip — sie beschreibt Strings als fundamental, als das Ende der Kette. Was aber, wenn es kein Ende gibt in dem Sinne, den wir vermuten? Was, wenn das Fundamentale gar kein Objekt ist —

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Prolog — Die Lücke in der Physik Es gibt einen Moment, den fast jeder kennt. Man sitzt irgendwo, allein oder mitten unter Menschen, und plötzlich tritt eine Frage auf, die sich nicht abschütteln lässt: Was ist das hier eigentlich? Nicht die Frage eines Kindes, das nach dem Namen der Dinge fragt, sondern die tiefere, ungemütlichere Frage dahinter. Was ist das, das gerade sitzt und fragt? Was ist dieses Erleben? Woher kommt es — und wohin geht es? Die meisten Menschen schieben diese Frage beiseite. Das Leben fordert das. Die Physik aber hat sich ihr gestellt. Und sie ist dabei auf etwas Merkwürdiges gestoßen: Je genauer sie hinschaut, desto seltsamer wird die Welt. Wir leben in einer Zeit des größten Erklärungserfolgs der Men- schheitsgeschichte. Die Physik beschreibt, wie das Universum vor 13,8 Milliarden Jahren aus einem Punkt entstand. Sie berechnet die Bahn von Sonden, die das Sonnensystem längst verlassen haben, auf den Kilometer genau. Sie hat Gravitationswellen gemessen — Erschütterungen der Raumzeit selbst, erzeugt von zwei kollidieren- den Schwarzen Löchern, eine Milliarde Lichtjahre entfernt. Als diese Wellen die Erde erreichten, waren sie kleiner als ein Tausendstel eines Protonendurchmessers. Und sie hat Teilchen gefunden, kleiner 2 3 als jede Vorstellungskraft, und ihre Wechselwirkungen in Gleichun- gen gefasst, die auf eine Serviette passen und trotzdem mit zwölf Nachkommastellen stimmen. Es wäre anmaßend, das zu verkleinern. Die Physik ist ein intellek- tuelles Meisterwerk — das Präziseste, was der menschliche Geist je hervorgebracht hat. Und dennoch. Drei Fragen bleiben offen. Nicht als Randnotizen, nicht als tech- nische Details, die noch ausgearbeitet werden müssen, sondern als fundamentale Lücken im Zentrum des Gebäudes. Lücken, die umso größer werden, je ehrlicher man hinschaut. Die erste Lücke: Was ist Bewusstsein? Jede Theorie des Universums — Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Stringtheorie — setzt stillschweigend voraus, dass es einen Beobachter gibt. Je- manden, der misst, der registriert, der versteht. Aber was dieser Beobachter eigentlich ist, erklärt keine dieser Theorien. Wir wissen mit wachsender Genauigkeit, was im Gehirn passiert, wenn ein Mensch einen roten Apfel sieht: elektrochemische Signale, neuronale Feuerungsmuster, Aktivierungskaskaden. Wir können messen, welche Regionen aktiv sind, und vorhersagen, wann jemand antwortet. Was wir nicht erklären können, ist der einfachste Schritt von allen: warum es sich nach irgendetwas anfühlt. Warum das Rot des Apfels nicht nur verarbeitet, sondern erlebt wird. Der Philosoph David Chalmers nannte das das harte Problem des Bewusstseins. Hart nicht im Sinne von schwierig, sondern im Sinne von: grundsätzlich anders als alle anderen Probleme der Wissenschaft. Denn alle anderen Probleme sind im Prinzip von außen beobachtbar. Das Bewusstsein ist das einzige Phänomen, das sich nur von innen zeigt. Keine materialistische Theorie hat diese Lücke geschlossen. Nicht 4 weil die Wissenschaftler nicht klug genug wären, sondern weil etwas Begriffliches fehlt. Die zweite Lücke: Was ist Zeit? Zeit scheint das Selbstver- ständlichste der Welt zu sein. Sie fließt. Die Vergangenheit ist vergan- gen, die Zukunft noch nicht da, die Gegenwart der einzige Moment der Wirklichkeit. Jedes Kind versteht das. Die Physik versteht es nicht. Die Grundgleichungen der Physik — Newtons Mechanik, Einsteins Feldgleichungen, Schrödingers Gleichung, die Gesetze der Teilchen- physik — kennen keine Richtung der Zeit. Lässt man einen Film eines Vorgangs auf fundamentaler Ebene rückwärts laufen, gibt es keine physikalische Gleichung, die sagt: Das ist falsch. Die Physik kennt keine Vergangenheit und keine Zukunft. Sie kennt nur Parameter. Die einzige Ausnahme ist die Thermodynamik — die Tendenz von Systemen, von Ordnung in Unordnung zu zerfallen. Aber das ist eine statistische Aussage, keine fundamentale. Und sie erklärt nicht, warum wir Zeit erleben. Sie erklärt allenfalls, warum wir uns an die Vergangenheit erinnern und nicht an die Zukunft. Carlo Rovelli, einer der bedeutendsten Physiker unserer Zeit, argu- mentiert in Die Ordnung der Zeit, dass die Zeit, die wir erleben, und die Zeit der fundamentalen Physik zwei grundverschiedene Dinge sind. Zwischen beiden liegt eine Erklärungslücke, die niemand wirk- lich geschlossen hat. Die dritte Lücke: Was ist Superposition? Im frühen zwanzig- sten Jahrhundert entdeckte die Physik etwas, das sie bis heute nicht vollständig verdaut hat: Teilchen auf fundamentaler Ebene existieren nicht in einem bestimmten Zustand, bis sie gemessen werden. Ein Elektron hat keinen genauen Ort. Es hat eine Wolke aus möglichen Orten — mathematisch beschrieben als Wellenfunktion, physikalisch verstanden als Superposition aller Möglichkeiten gleichzeitig. 5 Erst die Messung lässt es zu einem bestimmten Ort zusammen- fallen. Das ist keine Unkenntnis. Es ist kein Mangel an Präzision unserer Instrumente. Die Experimente belegen es mit brutaler Eindeutigkeit: Der Zustand ist vor der Messung wirklich unbestimmt. Nicht für uns — sondern an sich. Was aber ist dieser Zustand? Was existiert dort, bevor die Mes- sung eingreift? Die Physik beschreibt die Superposition mathema- tisch mit außerordentlicher Präzision. Was sie nicht beschreibt, ist, was die Superposition wirklich ist. Die ehrlichste Antwort, die die Physik geben kann, lautet bis heute: Wir wissen es nicht. Wir rechnen damit. Das Ergebnis stimmt. Was es bedeutet — darüber herrscht seit hundert Jahren Streit. Drei Lücken. Bewusstsein. Zeit. Superposition. Was mich nicht loslässt — und was der Ausgangspunkt dieses Buches ist — ist die Vermutung, dass diese drei Lücken dieselbe Form haben. Dass sie nicht zufällig nebeneinanderstehen. Dass sie, von der richtigen Seite betrachtet, dieselbe Antwort verlangen. Dieses Buch ist kein wissenschaftliches Werk im strengen Sinne, und ich bin kein Physiker — aber das muss kein Nachteil sein. Ich bin jemand, der sich über lange Zeit ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt hat: mit der Physik, mit der Philosophie, mit dem, was beide sagen, und vor allem mit dem, was beide nicht sagen. Wer tief in einem Fach steht, sieht seinen eigenen Bereich mit einer Schärfe, die ich nie erreichen werde. Doch dieselbe Tiefe verstellt manchmal den Blick auf das, was zwischen den Fächern liegt. Dass die drei Lücken — Bewusstsein, Zeit, Superposition — dieselbe Form haben, sieht man nicht im Inneren eines einzelnen Gebiets. Man sieht es erst, wenn man weit genug zurücktritt. Es braucht einen Blick von außen — keinen klügeren, nur einen anderen. 6 Was hier entwickelt wird, ist eine Theorie. Eine kohärente, durch- dachte Theorie — aber eine Theorie, die über das hinausgeht, was sich heute empirisch überprüfen lässt. Ich werde immer deutlich machen, wo gesichertes Wissen endet und wo Spekulation beginnt. Das ist keine Schwäche, sondern eine Grundbedingung intellektueller Redlichkeit. Die Theorie verbindet die Stringtheorie mit der Quantenmechanik und dem holographischen Prinzip auf eine Art, die ich für kohärenter halte als die Alternativen. Sie schlägt vor, dass das, was wir Super- position nennen, kein bloß physikalischer Zustand ist, sondern der Ursprungsbereich, aus dem Materie überhaupt erst hervorgeht. Dass Bewusstsein nicht in diesem Bereich wohnt — sondern dass es das ist, was dieser Bereich von innen ist. Dass Zeit keine eigenständige Größe ist, sondern aus Gedächtnis entsteht, aus dem Erinnern und der Vorwegnahme von Ereignissen. Und dass der ständige Wech- sel zwischen diesen beiden Ebenen — zwischen Superposition und String, zwischen Ursprung und Materie — das ist, was wir Dualis- mus nennen. Nicht als unlösbares Rätsel, sondern als Beschreibung eines Vorgangs. Was daraus folgt — für das Verhältnis von Geist und Körper, für die Frage nach Individualität, für das, was wir Wiedergeburt nennen — entwickeln die letzten Kapitel. Nicht als Heilsversprechen. Nicht als Trost. Sondern als Konsequenz des Modells. Es gibt einen Satz, den ich am Ende dieses Buches zu begrün- den versuchen werde. Er klingt zunächst nach einer Niederlage der Wissenschaft. Er ist das Gegenteil: Das Fundamentale ist prinzipiell nicht vollständig von innen messbar — weil der Messende selbst Teil der Pro- jektion ist. Das ist kein Rückzug ins Mystische. Es ist die tiefste Aussage, die eine Wissenschaft über sich selbst machen kann. 7 Und es gibt einen zweiten Satz, um den das ganze Buch kreist. Er ist keine These, die bewiesen wird. Er ist eine Konsequenz, die sich Schritt für Schritt aus allem anderen ergibt: Wahrnehmung ist das Substrat, das sich selbst begegnet. Eine Brücke, die nur auf einer Seite steht Um die Grundidee dieses Buches zu fassen, braucht es ein Bild. Es ist das Bild, an dem man sich durch das ganze Buch hindurch orientieren kann — und das ehrlicher beschreibt, was dieses Buch ist, als jede inhaltliche Zusammenfassung. Stellen Sie sich eine Brücke vor. Auf der einen Seite: festes Land. Gemessen, vermessen, kartiert. Auf diesem Ufer steht die Physik — mit ihren Gleichungen, ihren Messgeräten, ihren Experimenten. Die Stringtheorie, die Quanten- mechanik, das holographische Prinzip. Alles, was sich in Zahlen fassen, in Formeln schreiben, in Experimenten überprüfen lässt. Dieses Ufer nennen wir die String-Ebene. Die Brücke beginnt hier, auf festem Grund. Gebaut ist sie aus dem einzigen Material, das zur Verfügung steht: der Sprache der String- Ebene. Begriffe, Analogien, Konzepte. Ein anderes Material gibt es nicht. Denn die andere Seite — das, was jenseits der physikalisch beschreibbaren Wirklichkeit liegt — hat keine eigene Sprache. Sie kann keine haben. Sprache ist selbst ein Produkt der String-Ebene: Sie entsteht in der Zeit, braucht Struktur, setzt Dimensionen voraus. Also baut man die Brücke mit dem, was man hat. Und sie trägt weit. Durch die Quantenmechanik und ihre un- gelösten Rätsel. Durch das Messproblem und das harte Problem des Bewusstseins. Durch das Zeitproblem und das Schweigen der Gle- ichungen. Sie trägt bis an den Rand dessen, was die Physik noch 8 sagen kann — und zeigt dann dorthin, wohin sie selbst nicht mehr gelangt. Und dann endet sie. Nicht weil die Bauzeit ausging, sondern weil auf der anderen Seite kein festes Land ist, auf dem ein Fundament stehen könnte. Diese andere Seite hat keinen Boden im physikalischen Sinne. Sie ist di- mensionslos, zeitlos, raumlos. Man kann keine Brücke in sie hinein- bauen. Man kann nur von der Seite der Physik aus auf sie zeigen — mit Begriffen, die für sie nie gedacht waren, die alle scheitern und trotzdem das Einzige sind, was möglich ist. Das ist dieses Buch: eine Brücke, die nur auf einer Seite steht. Gebaut aus der einzig verfügbaren Sprache, so weit sie trägt — und dort, wo sie endet, offen für das, was keine Sprache hat. Und was ist auf der anderen Seite? Das weiß jeder. Von innen. Es ist das Einzige, das keine Beschreibung braucht: das Erleben selbst. Das, was es heißt, hier zu sein. Diese Brücke ist kein Scheitern. Sie ist die ehrlichste Form des Denkens, die an dieser Stelle möglich ist. Beginnen wir. Kapitel 1 — Strings: Wenn Schwingungen die Welt sind Die Frage nach dem kleinsten Baustein ist so alt wie das Denken selbst. Demokrit, der griechische Philosoph, schlug um 400 vor Chris- tus vor, dass Materie aus unteilbaren Einheiten besteht. Er nannte sie Atome — das Unteilbare. Er hatte keine Instrumente, keine Math- ematik, keine Experimente. Er hatte nur die Überzeugung, dass die Zerlegung der Materie irgendwo aufhören muss. Er lag nicht falsch. Er lag nur zweieinhalbtausend Jahre zu früh. Heute wissen wir, dass Atome sehr wohl teilbar sind: in Elektro- nen, die um einen Kern kreisen, und einen Kern aus Protonen und Neutronen. Die wiederum bestehen aus Quarks. Quarks und Elek- tronen lassen sich, nach allem was wir messen können, nicht weiter zerlegen. Sie sind Demokrits Atome — nur zweieinhalbtausend Jahre später gefunden und mit einem anderen Namen versehen. Soweit, so vertraut. Doch hier beginnt etwas Unbehagliches. Denn die Frage, die Demokrit für gelöst hielt, stellt sich neu — und in einer Form, auf die wir noch keine Antwort haben: Was genau sind Elektronen und 9 10 Quarks? Nicht: woraus sie bestehen. Sondern: was sie sind. Die Antwort der modernen Physik ist so präzise wie seltsam. Sie sind Punkte. Das Problem des Punktes Ein Punkt hat keine Ausdehnung. Keinen Radius. Keine innere Struktur. Er ist geometrisch das Nichts — nur ein Ort. Das Elektron ist, nach allem was Experimente bisher zeigen, kleiner als ein Milliardstel eines Milliardstel Millimeters. Für alle praktischen Zwecke: null. Das Elektron ist, soweit wir messen können, ein Punkt. Das klingt zunächst wie eine Aussage über die Kleinheit der Dinge. In Wirklichkeit ist es eine Aussage über ein fundamentales Problem. Denn ein Punkt erzeugt eine Katastrophe. Berechnet man die elek- trische Energie, die ein geladenes Teilchen um sich herum aufbaut — und das Teilchen ist ein Punkt —, dann wird diese Energie un- endlich groß. Ein Elektron müsste als Punktteilchen unendlich viel Masse haben. Hat es aber nicht. Es hat eine genau bekannte, winzige, aber endliche Masse. Die Theorie widerspricht der Beobachtung. Die Quantenfeldtheorie, die erfolgreichste physikalische Theorie, die je formuliert wurde, löst dieses Problem auf rechnerischem Weg: Sie hebt Unendlichkeiten gegen andere Unendlichkeiten auf — ein Verfahren, das Renormierung heißt. Das Ergebnis stimmt mit den Messungen auf zwölf Nachkommastellen überein. Das ist ein wissenschaftlicher Triumph. Und es ist ein begriffliches Unbehagen. Denn die Unendlichkeiten verschwinden nicht wirklich, sie werden nur kontrolliert. Der Punkt bleibt ein Punkt — und seine Folgen bleiben mathematisch gezähmt, aber nicht verstanden. Richard Feynman, einer der Väter der Quantenfeldtheorie, soll 11 die Renormierung einen Buchhaltungstrick genannt haben — eine Methode, die funktioniert, ohne dass man wirklich weiß, warum. Das ist ehrlicher als die meisten Lehrbücher. Wo Quantenmechanik und Gravitation kolli- dieren Solange man das Elektron für sich betrachtet, bleibt das Unbeha- gen beherrschbar. Die Quantenfeldtheorie funktioniert. Für drei der vier Grundkräfte — den Elektromagnetismus, die schwache und die starke Wechselwirkung — hat sie Theorien geliefert, die zusammen das Standardmodell der Teilchenphysik ergeben. Es ist das genaueste theoretische Modell, das die Wissenschaft je hervorgebracht hat. Dann gibt es die Gravitation. Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie beschreibt sie als Krüm- mung der Raumzeit — als geometrisches Phänomen in einem glat- ten, kontinuierlichen Raum. Eine wunderschöne Theorie, die kor- rekte Vorhersagen macht: für Planeten, Schwarze Löcher, Gravita- tionswellen, die Ausdehnung des Universums. Das Problem: Quantenmechanik und Allgemeine Relativitätsthe- orie sind unvereinbar. Versucht man, eine Quantentheorie der Gravitation zu formulieren — die Schwerkraft also genauso zu behandeln wie die anderen drei Kräfte —, dann entstehen Unendlichkeiten, die sich nicht mehr we- grechnen lassen. Nicht mit dem Trick der Quantenfeldtheorie, nicht mit irgendeinem anderen bekannten Verfahren. Die Rechnung bricht zusammen. Das ist kein technisches Detail. Es ist ein fundamentales Signal: Die zwei erfolgreichsten Theorien der modernen Physik widersprechen sich. Nicht ungefähr. Grundsätzlich. 12 Im Alltag fällt das nicht auf — weil die Gravitation für kleine Ob- jekte verschwindend schwach ist und Quanteneffekte für große Ob- jekte verschwindend klein. Die beiden Theorien begegnen sich prak- tisch nie. Aber in den Extremen — im Inneren Schwarzer Löcher, im Urknall, auf der sogenannten Planck-Skala — treffen sie aufeinander. Und dann versagt die Physik. Das ist der Ausgangspunkt für die Stringtheorie. Eine Formel, die zu einer Idee wurde Im Jahr 1968 suchte der Physiker Gabriele Veneziano nach einer Beschreibung der starken Wechselwirkung — der Kraft, die Quarks im Atomkern zusammenhält. Er fand eine Formel. Sie passte er- staunlich gut zu den Daten. Das Problem: Er wusste nicht, warum. Die Erklärung kam zwei Jahre später, von Yoichiro Nambu, Holger Nielsen und Leonard Susskind, unabhängig voneinander. Die Formel beschrieb keine Punktteilchen. Sie beschrieb schwingende Fäden — eindimensionale, ausgedehnte Objekte. Strings. Zunächst war das nicht mehr als eine mathematische Beobachtung. Keine Theorie, kein Bild, kein Verständnis. Nur: Diese Formel, die für Teilchen zu funktionieren schien, ließ sich herleiten, wenn man sich die Teilchen als Strings vorstellte. Daraus wurde eine Idee, die die theoretische Physik die nächsten fünf Jahrzehnte beschäftigen sollte. Was ein String ist Ein String ist das Einfachste, was man sich nach einem Punkt vorstellen kann. Kein Volumen. Keine Breite. Keine Fläche. Nur Länge — eine einzige Dimension. Ein schwingendes Energiefädchen. 13 Es gibt zwei Grundtypen: offene Strings, deren Enden frei im Raum liegen, und geschlossene Strings, deren Enden miteinander ver- bunden sind — eine Art mikroskopische Schlaufe. Ein String ist unvorstellbar klein. So viel kleiner als ein Proton, wie ein Proton kleiner ist als die Sonne. Es ist eine Größenordnung, die sich jeder direkten Messung entzieht — die Planck-Länge, jene fundamentale Grenze, jenseits derer unsere physikalischen Beschrei- bungen enden. Was dort liegt, ist keine Frage der Messtechnik mehr, sondern der Ontologie. Auf dieser Skala aber löst sich das Problem des Punktes auf. Ein String ist kein Punkt. Er hat Ausdehnung. Die Unendlichkeiten, die aus der Punktnatur der Teilchen entstehen, verschwinden — nicht durch Renormierung, sondern weil es keine Punkte mehr gibt. Die Mathematik, die für Punktteilchen zusammenbricht, bleibt für Strings endlich und kontrolliert. Das ist das erste große Versprechen der Stringtheorie: Sie macht aus einem begrifflichen Problem eine lösbare Rechnung. Schwingungen als Teilchen Was einen String zu einem Elektron macht, zu einem Quark, zu einem Photon, ist seine Schwingungsweise. Stellen wir uns eine Gitarrensaite vor. Dieselbe Saite kann ver- schiedene Töne erzeugen — je nachdem, wie sie schwingt. Die Grund- schwingung ergibt einen bestimmten Ton, die erste Oberschwingung einen höheren, die zweite einen noch höheren. Ein und dasselbe Ob- jekt, verschiedene Schwingungsmuster, verschiedene Töne. Ein String funktioniert nach demselben Prinzip — nur ist die Folge radikaler. Was eine Schwingungsweise eines Strings ausmacht, ist nicht ein Ton, sondern ein Teilchen. Energie, Masse, Ladung, Spin 14 — all das sind nicht Eigenschaften verschiedener Objekte, sondern verschiedene Schwingungsmuster ein und desselben Grundbausteins. Das Elektron ist ein Schwingungsmuster. Das Quark ein anderes. Das Photon — das Lichtteilchen — wieder ein anderes. Das klingt nach einer kühnen Vereinfachung. Das ist es auch. Aber es ist eine Vereinfachung, die mathematisch funktioniert. Die entscheidende Folge betrifft die Gravitation. Unter den möglichen Schwingungsweisen eines geschlossenen Strings gibt es zwingend eine — eine bestimmte Schwingung —, die genau die Eigenschaften hat, die das Trägerteilchen der Gravitation haben müsste: das Graviton. Niemand hat es hineingesteckt. Es ist da — als notwendige Folge der Mathematik. Das ist der Moment, in dem viele Physiker aufhorchten. Jede an- dere Theorie der Quantengravitation muss das Graviton von außen einführen, als Zusatzannahme. Die Stringtheorie bringt es von sich aus hervor. Gravitation ist in ihr nicht ein Problem, das gelöst wer- den muss. Sie ist ein Ergebnis, das sich von selbst einstellt. Das Problem der Dimensionen Hier wird die Theorie unbequem. Arbeitet man die Mathematik der Stringtheorie vollständig aus — fordert man alle Konsistenzbedingungen ein, schließt man alle Wider- sprüche aus —, dann zeigt sich: Strings können nicht in vier Dimen- sionen existieren. Nicht ohne mathematische Brüche, die die Theorie zerstören würden. Die ursprüngliche, rein bosonische Stringtheorie brauchte sech- sundzwanzig Dimensionen. Die modernere Superstringtheorie — die auch die Materieteilchen beschreibt — kommt mit zehn aus. Die M- Theorie, der gegenwärtig umfassendste Rahmen, braucht elf. 15 Warum erleben wir dann nur vier? Die Standardantwort lautet: Die übrigen Dimensionen existieren — aber sie sind aufgerollt. Zu winzigen geometrischen Strukturen zusammengewickelt, so klein wie die Planck-Länge, unsichtbar für jede Messung. Wir bewegen uns durch sie hindurch, ohne es zu merken — so wie eine Ameise auf einem Gartenschlauch nur die Länge wahrnimmt, nicht den Umfang. Die geometrische Form dieser verborgenen Dimensionen hat einen Namen: Calabi-Yau-Mannigfaltigkeit. Die Mathematik dieser Struk- turen ist außerordentlich reich und komplex. Und genau hier liegt eines der tiefsten Probleme der Stringtheorie. Was die Stringtheorie leistet — und was nicht An dieser Stelle ist Ehrlichkeit nötig. Die Stringtheorie ist die mathematisch reichste und eleganteste Theorie, die die theoretische Physik je entwickelt hat. Sie vereinigt alle vier Grundkräfte in einem stimmigen Rahmen. Sie beseitigt die Unendlichkeiten der Quantengravitation. Sie enthält als mathema- tische Folge eine Theorie der Raumzeit selbst — einschließlich der AdS/CFT-Korrespondenz, auf die wir in Kapitel 3 zurückkommen. Ihre Mathematik hat in anderen Bereichen der Physik und sogar der reinen Mathematik zu bedeutenden Entdeckungen geführt. Das ist real. Das ist nicht zu verkleinern. Und dennoch: Die Stringtheorie hat keine einzige Vorhersage gemacht, die experimentell bestätigt worden wäre und die sich nicht auch durch eine andere Theorie erklären ließe. Sie hat — nach mehr als fünfzig Jahren intensiver Forschung — keinen einzigen empirischen Fingerabdruck hinterlassen. Der Grund liegt in der Skala. Um String-Effekte direkt zu messen, 16 bräuchte man unvorstellbar hohe Energien — rund fünfzehn Größenordnungen jenseits dessen, was der größte Teilchenbeschle- uniger der Welt, der Large Hadron Collider in Genf, erreicht. Um die Planck-Skala experimentell zu erreichen, bräuchte man einen Beschleuniger von der Größe der Milchstraße. Das ist keine Frage des Budgets. Es ist eine Frage der Physik. Sabine Hossenfelder, Physikerin und eine der schärfsten Kritik- erinnen der theoretischen Grundlagenphysik, hat darauf hingewiesen, dass eine Theorie, die prinzipiell keine überprüfbaren Vorhersagen machen kann, in einen bedenklichen Grenzbereich gerät — zwischen Physik und Metaphysik. Lee Smolin und Peter Woit haben diese Kritik ausführlich formuliert. Das ist eine ernste Einwendung. Sie trifft nicht die Mathematik der Stringtheorie — die ist unbestreitbar. Aber sie trifft ihren Status als physikalische Theorie. Das Landschaftsproblem Es gibt noch ein weiteres, tieferes Problem. Die verborgenen Dimensionen der Stringtheorie — die Calabi- Yau-Mannigfaltigkeiten — können in außerordentlich vielen verschiedenen Formen vorliegen. Jede Form entspricht einem an- deren Universum mit anderen Naturkonstanten, anderen Teilchen, anderen Kräften. Die Zahl dieser möglichen Konfigurationen wird auf eine Eins mit fünfhundert Nullen geschätzt. Das ist eine Zahl, die keine Vorstellungskraft erfassen kann — sie übersteigt die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum um ein Vielfaches. Welche dieser Konfigurationen ist unsere? Die Stringtheorie antwortet: Keine Ahnung. Alle sind mathematisch gleich möglich. Das war ursprünglich als Schwäche der Theorie gedacht. Manche 17 Physiker haben es in eine Stärke umgedeutet: das anthropische Prinzip — wir befinden uns in der Konfiguration, in der Beobachter wie wir entstehen konnten, weil alle anderen unbewohnt oder unbeobachtbar sind. Das löst das Problem aber nicht. Es benennt es um. Eine ehrliche Bilanz Was bleibt nach alledem? Die Stringtheorie ist der bisher ernsthafteste Versuch, das fun- damentalste Problem der Physik zu lösen: die Unvereinbarkeit von Quantenmechanik und Gravitation. Ihr mathematischer Rahmen ist stimmig. Ihre innere Logik ist zwingend. Und sie hat echte Einsichten geliefert — über die Natur des Raumes, über Schwarze Löcher, über die holographische Struktur der Wirklichkeit. Aber sie ist keine Theorie von allem. Sie ist noch nicht einmal eine überprüfbare Theorie von irgendetwas Spezifischem. Was uns das sagt, ist wichtig: Die fundamentalste Ebene der Ma- terie ist uns nicht zugänglich — nicht weil wir nicht clever genug sind, sondern weil die Werkzeuge fehlen. Wir können die Mathematik der Planck-Skala formulieren. Wir können nicht dort hinschauen. Das ist der Stand der Physik. Keine Werbung, keine Verein- fachung. Strings — wenn es sie gibt — sind die letzten Objekte, die wir in der Kategorie „Ding” beschreiben können. Sie haben Ausdehnung. Sie schwingen. Sie erzeugen durch ihre Schwingungen das, was wir Teilchen nennen. Sie bilden — nach dieser Theorie — den Stoff, aus dem Raum und Materie gemacht sind. Aber hier öffnet sich eine Frage, die die Stringtheorie selbst nicht stellt. Eine Frage, die eigentlich vor aller Physik liegt: 18 Wenn Strings die Grundbausteine der Wirklichkeit sind — woraus bestehen dann Strings? Nicht im materiellen Sinne. Nicht: aus welchen noch kleineren Teilen? Sondern: Was ist ein String überhaupt? Was ist das Sub- strat, aus dem er hervortritt? Woraus schöpft er seine Existenz? Die Stringtheorie schweigt darauf. Nicht aus Unkenntnis, sondern aus Prinzip — sie beschreibt Strings als fundamental, als das Ende der Kette. Was aber, wenn es kein Ende gibt in dem Sinne, den wir vermuten? Was, wenn das Fundamentale gar kein Objekt ist —

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